Kapitel 1.1: Das Wagnis, bei Null anzufangen

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Pünktlich um 8:00 Uhr stand Jaune vor dem Haus, zu dessen Adresse sie der Makler bestellt hatte.
Erfolgreichster Makler in ganz Willow Creek! Der Experte für IHRE neue Bleibe!“
Mit diesen Worten warb er auf seiner Homepage, die Jaune noch in Sunset Valley recherchiert hatte. Ihre Eltern legten sehr viel Wert darauf, dass Jaune es eben nicht ihrer Großtante nachmacht und ohne Plan in die große Welt hinauszieht – naja, zumindest nicht ohne Unterkunft.

Jaune sah sich um. Das war das Haus, das ihr der Makler zur Miete vermittelt hatte. Es sah genauso aus wie auf den Fotos. Ganz wagemutig hatte Jaune nämlich bereits am Telefon zugesagt und den Mietvertrag auf dem Postweg abgeschlossen, ohne das Haus vorher besichtigt zu haben. Willow Creek lag ja auch nicht gerade um die Ecke. 6 Stunden ist sie mit dem Bus hierher gefahren. Die letzte Nacht hat sie in einem Hotel etwas außerhalb der Stadt verbracht. Speziell für diesen wichtigen Termin hat sie sich ihr grünes Etui-Kleid angezogen und sich ein wenig aufgebrezelt.

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Pünktlichkeit gehörte nicht gerade zu den Tugenden des Experten für Jaune’s neue Bleibe. Sie sah auf ihrem Handy nach, ob er vielleicht eine Nachricht geschickt hatte. Hatte er nicht. Kurzentschlossen wählte sie seine Nummer. Schließlich hatte sie genug davon, sich die Beine in den Bauch zu stehen.

Keller Makler-Büro, was kann ich für Sie tun?„, meldete sich der Makler persönlich, „Oh, Frau Lavelli! Ich habe Sie selbstverständlich nicht vergessen. Mir ist ein wichtiger, wirklich sehr wichtiger Termin dazwischen gekommen. Aber wir haben ja alles schon ausgemacht. Den Schlüssel zu Ihrem neuen Heim finden Sie unter der Sonnenblume. Sehen Sie die Sonnenblume? Hervorragend, hervorragend!
Der Experte wirkte sehr gehetzt. Mit einem „Alles Gute!“ verabschiedete er sich schnell von Jaune und legte unvermittelt auf.

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Jaune seufzte. Was für’n Typ. Die Sonnenblume war tatsächlich schnell gefunden, weil es auf dem gesamten Grundstück keine zweite gab. Den Schlüssel hingegen musste sie länger suchen. Unter der Sonnenblume war schon die passende Aussage, denn er war vergraben. Nicht besonders tief, aber genug, um Jaune einige Minuten mit dem Buddeln zu beschäftigen. Das Etuikleid war natürlich total verdreckt – und Jaune fiel ein, dass sie gar keine Waschmaschine hatte. Daran hatte sie schlichtweg nicht gedacht. Außerdem hätte sie sowieso kein Geld mehr übrig gehabt, um sich eine zu kaufen.
Als sie ihn schließlich fand, begab sie sich mit klopfendem Herzen auf die Tür zu. Ihre neue Bleibe. Ihr neues Zuhause für… eine ganze Weile.

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Im Haus angekommen sah sie sich schnell im Eingangsbereich um. Noch bevor sie eine richtige Besichtigungstour starten konnte, rief schon ihre Mutter an.

Hallo, mein Schatz. Wie geht’s dir?„, tönte die sorgenvolle Stimme durch das Telefon.
„Hallo, Mama. Es ist alles gut soweit. Ich bin gerade erst in dem Haus angekommen, das mir Herr Keller vermittelt hat.“
Und wie ist es da so?„, unterbrach ihre Mutter nun aufgeregter.
„Ich habe hier noch nicht viel gesehen. Aber es sieht zumindest auf den ersten Blick so aus wie auf den Fotos, die ich euch gezeigt habe. Ich habe sogar einen kleinen Garten.“ Jaune bemühte sich, nicht allzu begeistert zu klingen, weil sie wusste, dass ihre Mutter sie nur ungern gehen ließ. Gleichzeitig wollte sie nicht so traurig klingen, weil der Familienwagen ihres Vaters sie sonst schneller abgeholt hätte, als sie gucken konnte.
Jaune erzählte ihren Eltern nichts davon, dass der Makler sie versetzt hatte – schließlich hatte sie ja den Schlüssel und konnte das Haus beziehen. Sie hätten sich nur unnötig Sorgen gemacht.

Nach einer halben Stunde war ihre Mutter schließlich zufrieden mit ihrem Gespräch und vereinbarte mit Jaune, am Abend nochmal zu telefonieren.
„Versprochen, Mama.“, verabschiedete sich Jaune.

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Nun hatte sie endlich etwas Zeit, ihre neue Bleibe zu bestaunen. Das erste Zimmer war der Eingangsbereich, der das Wohnzimmer mit dem Esszimmer und der Küche vereinte. Es war alles nicht besonders groß, aber für sie alleine völlig ausreichend. Im Schlafzimmer stand ein quietschendes Doppelbett und ein Schreibtisch. Ein paar Dekoblumen waren auch vorhanden. Das Bad war kaum der Rede wert – aber immerhin funktionierten die sanitären Einrichtungen. Eine Badewanne wäre schön gewesen – Jaune ertappte sich bei diesem verwöhnten Gedanken.

Das Haus ihrer Eltern, in dem sie aufgewachsen war, ähnelte einer Luxusvilla. Es war groß und ziemlich gut ausgestattet. Sogar ein Pool war vorhanden, in den Jaune im Sommer immer wieder gerne gehüpft war. In ihrem neuen Leben musste sie sich mit einer spartanischen Einrichtung zufrieden geben. Ihr Vater hielt nämlich sein Wort: Es war Jaunes Idee, die Welt zu erkunden, also sollte es auch Jaunes eigener Geldbeutel sein, der ihr das finanzierte.
Immerhin konnte Jaune das Haus möbliert mieten. Ihr Geld reichte für die ersten 3 Monatsmieten. Bis dahin musste sie einen Job gefunden haben.

Sie schnappte sich ein Glas in der Küche und goss sich den Rest ihrer Limonade, die sie von der Busfahrt übrig hatte, ein. Als sie auf ihre kleine Terasse trat, sah sie eine Frau am nahe gelegenen Kanal entlang laufen. Ob das wohl eine neue Nachbarin war?

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Mutig beschloss Jaune, sich vorzustellen.
„Hallo? Entschuldigung… ähm… mein Name ist Jaune, ich wohne da drüben… seit heute.“
Die fremde Frau sah sie freundlich an: „Hallo! Ich bin Carissa. Ich wohne ein paar Straßen weiter. Aber ich spaziere hier gerne, am Kanal kann man ganz prima angeln! Schön, dich kennenzulernen!“

Super, so schnell hatte Jaune einen neuen Kontakt geschlossen. Sie fand die Frisur von Carissa klasse. Ausgefallen hätte ihre Mutter gesagt.
„Was hat dich denn nach Willow Creek verschlagen, wenn ich fragen darf?“, blickte Carissa sie mit neugierigen Augen an.
„Ich wollte die Welt sehen…“, fing Jaune an und sorgte bei Carissa damit für ausgefallenes Gelächter.
„Und da suchst du dir ausgerechnet das schlecht bewohnte Willow Creek aus?“
„Naja…“, wusste Jaune nicht so recht weiter, „Es gab eine große Reklame in der Zeitung. Die Stadt warb für neue Einwohner und versprach günstige Mieten und Grundstückspreise…“
Carissa unterbrach sie: „Und das hat dich nicht misstrauisch gemacht?“, schüttelte sie belustigt den Kopf.
Jaune wusste nicht so recht, ob sie sich aufgrund ihrer Naivität schämte oder sich über Carissa ärgerte.
„Jeder hat mal klein angefangen!“, sagte sie bestimmt und musste sich zusammenreißen, nicht mit ihrem Fuß aufzustampfen.
„Hast ja recht, hast ja recht.“, wandte Carissa nun versöhnlich ein, „Also… Wenn du willst, zeige ich dir unser schönes Willow Creek. Ganz so ausgestorben ist es nämlich neuerdings nicht. Die günstigen Grundstückspreise ziehen wirklich viele Leute an. Der Stadtrat hat letztes Jahr erst den Neubau der Innenstadt genehmigt. Wir haben eine neue Bibliothek und einen neuen Club. Da treffe ich mich heute Abend mit einer Freundin. Magst du mitkommen?“
Natürlich wollte Jaune.

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Die Adresse des Clubs hatte sie von Carissa zwar bekommen, trotzdem irrte Jaune zunächst ein wenig durch das kleine Städtchen. Schließlich nahm sie sich ein Taxi, das sie direkt bis zum Eingang des Clubs brachte. Carissa wartete dort schon auf sie. Ihr grünes Kleid hatte Jaune notdürftig mit Wasser und einem Handtuch sauber bekommen. Im Licht konnte man noch Flecken sehen, aber im Club sollte es ja hoffentlich dunkel bleiben. Andere Ausgeh-Kleidung hatte sie noch nicht.

„Hier gibt’s echt was zu sehen.“, schwärmte sie, „Du musst unbedingt in den Keller gehen, wenn du auf Spiele stehst. Da gibt’s so ein neues interaktives Spiel, keine Ahnung wie das heißt, aber es macht irre Spaß! Aber lass uns zuerst oben auf’s Dach, da gibt’s eine Bar mit leckeren Getränken. Wir müssen auf unsere neue Bekanntschaft anstoßen, meinst du nicht auch?“

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Ok, Carissa war von der Sorte Labertasche. Sie quasselte den ganzen Weg auf’s Dach rauf und selbst da konnte sich Jaune vor ihrem Redeschwall nicht retten. Sie nahm an der Bar Platz und bestellte sich einen alkoholfreien Saft. Für mehr hatte sie kein Bargeld mehr eingeplant. Morgen früh musste sie noch dringend für ihre erste Woche Essen einkaufen. Sie brauchte so dringend einen Job…
An der Bar kam sie mit vielen Leuten ins Gespräch. Insgesamt herrschte so ein Gedränge auf diesem Dach, dass Jaune bald schon das Weite suchte.
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Carissas Rat folgend schaute sie sich den Keller des Clubs an und wurde prompt zu einem Spiel eingeladen. Den Namen des jungen Mannes wusste sie nicht mehr. Er schien da unten zu arbeiten und die Spielgeräte zu verwalten und zu warten.
Er zeigte ihr, wie man es spielt und Jaune verbrachte den restlichen Abend damit.
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Als sie sich mit Carissa auf den Weg nach Hause machte, blieb ihr Blick an der Bibliothek hängen. Sie hatte in der Zeitung gelesen, dass dort alte Computer zu einem Schleuderpreis oder noch günstiger abgegeben werden. Genau das richtige für Jaune.
Schließlich war es ihr Plan, in Willow Creek als Schriftstellerin oder Journalistin zu arbeiten – Schreiben war ihre große Leidenschaft und damit wollte sie ihr Geld verdienen. Und zum Schreiben benötigte sie einen Computer. Den PC aus ihrem Kinderzimmer in Sunset Valley hatte Jaune nicht mitgenommen. Sie wollte nicht mit Möbeln reisen und für einen extra Möbeltransporter fehlte ihr das nötige Geld.
Leider hatte die Bibliothek um 02:00 Uhr nachts schon geschlossen. Aber am nächsten Morgen würde sie wiederkommen, das nahm sie sich fest vor.
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Zuhause angekommen – das Wort Zuhause fühlte sich noch seltsam an – war Jaune froh, endlich aus dem grünen Kleid und den hohen Schuhen schlüpfen zu können. Den ganzen Tag hatte sie in dem engen Ding verbracht. Sie streifte sich ihre Jeans und ihren pinken Lieblingspulli über, um sich noch ein schnelles Abendessen zu machen. Erst jetzt fiel ihr auf, dass sie den ganzen Tag nichts gegessen hatte.
Von ihrer Mutter hatte sie ein kleines Paket bekommen, das sie gut in ihrem Rucksack verstaut hatte. Dort befand sich eine Packung Nudeln und ein Päckchen Fertigsauße. Mit letzterem war Elena Lavelli zwar absolut unglücklich („Ich finde wirklich, du solltest sowas nicht essen, Jaune! Nimm doch lieber frische Lebensmittel mit!“, hatte sie entsetzt gesagt), sah jedoch ein, dass es für den ersten Abend ausreichen musste.
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Da saß Jaune nun, an ihrem neuen Esstisch, und dachte über den Tag nach. Und über die kommenden Tage. Würde sie einen Job finden, mit dem sie die Miete bezahlen konnte? Was passierte, wenn sie es nicht schaffte? Ihr Vater würde sie abholen. Aber das wollte sie nicht. Sie wollte ihn und ihre Mutter nicht enttäuschen. Denn obwohl ihre Eltern alles andere als glücklich mit den Plänen ihrer Tochter waren, so hofften sie doch wie alle Eltern, dass sie Erfolg haben würde.

Jaune schüttelte die Zweifel von sich ab. Sie wollte mit positiven Gedanken einschlafen. Sie erinnerte sich noch einmal an die Pläne für den nächsten Morgen und fiel schließlich völlig übermüdet in das unbequeme, quietschende Bett, das immerhin mit ihrer liebsten, pinken Bettwäsche bezogen war und nach Zuhause duftete.
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– Ende Kapitel 1.1: Das Wagnis, bei Null anzufangen –

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