Prolog: Wie alles begann

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Es war wieder einer dieser heißen vorsommerlichen Tage im April, an denen Jaune am liebsten in den Pool gehopst wäre. Doch in nur 2 Wochen standen ihre Abiturprüfungen an und dafür musste sie noch eine Menge lernen.

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Sie wusste, dass ihr Vater auf dem Dachboden noch ein altes Buch aufbewahrte, das sie für ihre Prüfung in Erdkunde gut gebrauchen konnte. Erdkunde war ihr Lieblingsfach. Nirgendwo sonst lernte sie so viel über andere Länder und Kulturen wie bei ihrem Lehrer, der selbst schon die halbe Welt gesehen hatte.
In dem dunklen kleinen Raum lag allerlei Krempel herum. Die alte Ritterrüstung hatte sie z.B. noch nie bemerkt. Aber da auf dem Boden standen die Gartenutensilien, die ihre Mutter gestern noch gesucht hat.

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Jaune ließ sich nicht von der Unordnung im Raum ablenken und ging zielstrebig zum langen Bücherregal. Ihren alten Spielzeugautos musste sie dabei genauso ausweichen wie dem uralten Schachtisch ihres Vaters. Manchmal wünschte sie sich, dass sie ein bisschen mehr Logik von ihm geerbt hätte.

Das Erdkundebuch war dank des dicken, bunten Einbands schnell gefunden. Als sie ihren Blick durch die restlichen Schätze im Regal schweifen ließ, fiel ihr noch ein anderes Buch auf. Eigentlich war es nichts besonderes. Es wirkte ebenso alt wie die meisten Einbände hier, farblos und verstaubt. Aber es stand ein Stück raus und gewann Jaunes Aufmerksamkeit. Als sie nach dem Buch griff, fiel ein Foto heraus.

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Frisch verheiratet: Ken und ich.

stand auf der Rückseite der Fotografie. Jaune stutzte. Ihre Eltern waren das nicht. Sie sah sich das Buch näher an, aus dem das Bild gefallen war. In musterhafter Schönschrift stand geschrieben: Tagebuch von Amber Lavelli

Tante Amber? Ihrer Großtante, die schon vor vielen vielen Jahren gestorben war und Jaune nie kennenlernen durfte, sollte dieses Tagebuch gehören? Jaune hörte oft, wie ähnlich sie Amber war. Ihre Erdkundeklausur vergaß Jaune für den Moment und begann, in jeder freien Minute in den privaten Eintragungen ihrer Tante zu schmökern.

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Von nun an hütete sie das Tagebuch wie einen Schatz. Sie war so fasziniert von den spannenden Geschichten, dass sie sogar bis spät in die Nacht las.

Amber Lavelli wagte vor vielen Jahrzehnten bereits ein großes Abenteuer: Sie verließ Sunset Valley und zog auf sich allein gestellt  in die unbekannte Großstadt Bridgeport. Dort begann sie ein neues Leben. Tante Amber schrieb von unheimlichen Gestalten, finanziellen Schwierigkeiten und Existenzängsten. Sie erzählte aber auch von wunderbaren Freundschaften, dem Mann ihres Lebens und dem Stolz einer Mutter, Großmutter und Legacy-Starterin.

„Denn das größte Glück, was mir je passieren konnte, war das Wagnis. Das Wagnis bei Null anzufangen. Die Vergangenheit konnte mir dort nichts anhaben, meine Zukunft schrieb ich selbst und die Gegenwart gab mir die Herausforderungen, an denen ich wachsen konnte.
Ich würde mir wünschen, dass auch meine Nachfahren die Gelegenheit beim Schopf packen und ein neues Abenteuer wagen.“

– 2 Wochen später –

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Einen Abend vor ihrer ersten Abiturklausur lernte Jaune noch ein wenig im großen Esszimmer, als ihr Vater sich mit einem Buch dazusetzte. Das Lesen war wohl ein Familienhobby. Die Anwesenheit ihres Vaters stimmte Jaune immer entspannt und sicher. Er war ihre erste Anlaufstelle, wenn sie mal Schwierigkeiten oder Fragen hatte. Doch heute Abend war sie besonders nervös. Sie wollte mit ihm gerne etwas bereden, wusste jedoch nicht so recht, wie sie das Gespräch beginnen sollte. Schließlich atmete sie tief durch und fasste den Mut.

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„Papa?“, sagte sie mit einer leisen, ungewöhnlich schüchternen Stimme, während sie ihr Lehrbuch zur Seite legte.
„Ja, Liebes?“ Ihr Vater blickte von seinem Buch auf und sah sie lächelnd an.
Jaune räusperte sich, als habe sie einen Frosch im Hals.
„Ich habe nachgedacht… über die Zukunft.“
„Oha, das klingt nach einem großen Gedanken. Und zu welchem Schluss bist du gekommen?“
„Ich möchte reisen. Ich möchte raus aus Sunset Valley“, fasste Jaune schließlich ihren Wunsch kurz und knapp zusammen.
„Und wo möchtest du dann hin?“, fragte ihr Vater mit einem Schmunzeln im Gesicht. Jaune gefiel das gar nicht. Sie hatte das Gefühl, dass er sie nicht ernst nahm. Hielt er das für einen Scherz?

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„In eine andere Stadt. Ich will etwas anderes kennenlernen als den alltäglichen Sunset Valley Park mit seinen Festivitäten, die immer gleich sind. Ich will was aufregenderes!“
„Woher kommt denn diese verrückte Idee plötzlich?“ mischte sich ihre Mutter ein, die gerade mit frisch gebackenen Brownies das Esszimmer betrat.
Mit ihrem vollen roten Haar sah sie aus wie Arielle, fand Jaune. Glücklicherweise hatte sie es geerbt. Die Gemütlichkeit hatte sie jedoch nicht von ihr. Ihre Mutter fühlte sich wohl in Sunset Valley, weil sie hier alles hatte, was sie brauchte: Ihre Familie in einem wunderschönen Haus. Die Welt zu sehen würde bei ihr nie auf dem Wunschzettel stehen. Abenteuerlust war für sie etwas aus der unrealen Welt der Bücher.

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„Die Idee ist nicht verrückt!“, stieß Jaune in einem Ton hervor, der etwas zu empörend für den Geschmack ihrer Mutter war.
„Jaune, räum deine Lernsachen beiseite, damit wir Tee trinken können, ja?“ Ihre Mutter hoffte, mit dem Themawechsel würde sich die Aufregung schon von alleine legen. Sie hatte jedoch nicht mit der Beharrlichkeit ihrer Tochter gerechnet.

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„Mom, das ist mir wichtig! Was soll ich nach dem Abi schon in Sunset Valley?“
„Was ist das denn für eine Frage?“, entfuhr es ihrer Mutter überrascht, „Du hast doch im Angelshop von Herrn Mills schon einen Nebenjob für diesen Sommer ergattert. Damit überbrückst du die Wartezeit auf einen Studienplatz. Möchtest du denn nicht mehr Literatur studieren? Die Bewerbungen laufen doch noch!“
An ihren Studienplatz hatte Jaune natürlich schon nicht mehr gedacht. Aber die Frage war berechtigt: Wollte sie überhaupt noch studieren?

„Ich möchte schreiben. Das wollte ich schon immer. Und dafür brauche ich kein Studium!“, entschied sie energisch, „Tante Amber hatte auch nie einen Abschluss und…“
„Tante Amber?“, ging ihre Mutter dazwischen.
„Ja, Großtante Amber Lavelli. Sie war die Schwester von Papas Großvater.“
„Jetzt wird mir einiges klar!“ Jaunes Mutter machte ein Gesicht, als habe sie ein Rätsel gelöst. „David, das war doch deine Großtante, die Sunset Valley kurz entschlossen den Rücken kehrte und nie wieder von sich hören ließ.“
Ihr Vater erinnerte sich: „Tante Amber hatte schon immer einen großen Abenteuerdrang, hat Großvater immer gesagt. Manchmal bedauerte er, dass er in Sunset Valley geblieben war. Sie sah dir so ähnlich, Jaune.“
„Ich habe ihr Tagebuch auf dem Dachboden gefunden“, gab Jaune kleinlaut zu.
„Mein Cousin schickte es mir vor ein paar Jahren, nachdem Amber gestorben war. Er meinte, wenn du ihr so ähnlich bist, dann solltest du sie gewissermaßen kennenlernen.“

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Nach einer kurzen Pause der Erinnerung sagte ihr Vater schließlich:
„Also gut, wenn dir so viel daran liegt, die Welt kennenzulernen, dann lassen wir dich gehen.“
„David!“ Ihrer Mutter gefiel das ganz und gar nicht.
„Elena, unsere Tochter ist erwachsen. Wir beide wissen, dass sie in Sunset Valley niemals glücklich werden könnte, ohne vorher ihre Flügel auszustrecken. Und wenn sie genug vom eigenständigen Leben hat, kehrt sie einfach zurück“ zwinkerte er ihrer traurigen Mutter zu.
„Papa!“, Jaune grinste über das ganze Gesicht, „Danke!“
„Nicht so schnell. Wir stellen selbstverständlich Bedingungen.“ Es wäre auch zu schön gewesen, wenn es so einfach ginge, dachte Jaune. “ Deine Prüfungen gehen morgen los und du wirst dein Bestes geben. Nicht, dass du jetzt schluderst, nur weil du einen alternativen Plan hast… Außerdem musst du selbst zusehen, wie du ein Startkapital zusammenbekommst. Bis auf dein Sparbuch erhältst du von uns nämlich kein Geld. Tante Amber hatte damals schließlich auch nichts. Ohne Startkapital lassen wir dich allerdings nicht gehen. Ist das klar?“

Jaune musste das erstmal verdauen. Ihre Mutter wirkte immer noch nicht begeistert von dieser Schnapsidee, wie sie es nannte. Aber ihr Vater hat schließlich die richtigen Worte gefunden, um sie zumindest zu überreden. Ihre Eltern gaben ihr tatsächlich ihren Segen, die Uni sausen zu lassen, um mit ein bisschen Startkapital irgendwo im Nirgendwo neu zu starten. Das Wagnis bei Null anzufangen, hatte es Tante Amber genannt. Und jetzt verstand Jaune, was das bedeutete.

– 3 Monate später –

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Die Abiprüfungen hatte Jaune gut über die Bühne gebracht. Wer weiß, wozu sie sie nochmal brauchen könnte. Sie hat sogar die letzten 3 Monate ihren Nebenjob bei Herrn Mills angetreten, um so viel Geld zu sparen wie möglich. Sie schaffte es sogar, sich von einigen ihrer Bücher zu trennen und verkaufte sie recht erfolgreich.

„Melde dich sofort, sobald du in der neuen Wohnung angekommen bist, hörst du?“, schluchzte ihre Mutter, als sie sich zum Abschied umarmten.
„Versprochen, Mama.“ Auch Jaune war ein bisschen traurig. Auch wenn sie so begierig auf die große neue Welt war, so vermisste sie ihre Eltern jetzt schon. Sie waren in den letzten 18 Jahren ständig um sie gewesen. Sie freute sich auf die neue Herausforderung und hatte zugleich auch Angst, es alleine nicht zu schaffen.

Sie hatte darauf bestanden, alleine zum Bus zu laufen, der sie nach Willow Creek bringen sollte.

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– Ende Prolog Lavelli Legacy –

Der Artikel ist auch in English verfügbar.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Eine wunderbare Rahmengeschichte für die Legacy Challenge!
    Bilder und Text gefallen mir auch sehr gut, ich freu mich schon auf das nächste Kapitel 🙂

    • Hallo Claudia,
      vielen Dank für deinen Kommentar. 🙂 Wie schön, dass die Geschichte jetzt schon so gut ankommt. Ich freue mich, wenn du dran bleibst. 🙂

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